Das passiert im Organismus bei StresssituationenLesezeit ~ 7 Min.

Von Torsten Seidel, 16. Mai 2022, aktualisiert am 19. Januar 2024.

Im heutigen Beitrag beantworte ich die spannende Frage, was Hundertstelsekunden nach einer Stresssituation im Körper eigentlich so passiert. Dass es bei einer Stressreaktion mindestens zu Magen-Darm-Beschwerden kommt, habe ich im letzten Beitrag bereits erläutert. Nun geht es einmal darum, was es noch für interessante Vorgänge im Organismus gibt. Das heiß, die Biochemie und die ganzen Zusammensetzungen sowie Folgen aus chronischen Stress.

Biochemie in Stresssituationen sowie Folgen

Was ist Stress Biochemie
Biochemie in Stresssituationen

Wie schon im letzten Beitrag erläutert, kennt Stress nur zwei Formen: Flucht oder Kampf. Und daraus resultieren schon einige Probleme in unserer heutigen Zeit. Wenn wir bei der Arbeit insbesondere Stress haben oder im Familienleben Stress überhandnimmt, gibt es natürlich keine Möglichkeit zur Flucht und auch nicht zum Kampf. Es kommt stattdessen zur ungesunden Dauerbelastung. Und die macht uns natürlich krank.

Doch was passiert eigentlich dabei? Unter Stress schüttet unser Körper das Stresshormon Cortisol aus? Und das ist für eine Reihe von Problemen mitverantwortlich.

  • Einmal das Bauchfett, was Cortisol begünstigt und anwachsen lässt. Das wiederum schickt Entzündungsbotenstoffe durch den ganzen Körper. Bauchfett ist gefährlicher, als etwa Fett an den Hüften oder einer anderen Stelle am Körper.
  • Auch Typ-2-Diabetes wird durch das Bauchfett begünstigt, sowie eine Reihe weiterer Erkrankungen, auf denen ich später noch eingehen werde.

Zwischen Zeit und Reaktion liegt ein Raum

Den folgenden Absatz möchte ich mit einem Zitat des österreichischen Neurologen und Psychiaters Viktor Frankl beginnen:

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum haben wir die Wahl der Entscheidung. Und in unserer Reaktion liegen unsere Macht und unsere Freiheit.

Viktor Frankl

Was bedeutet das? Wenn eine Stresssituation auf uns zukommt, kommt es zu einem förmlichen Chemie-Cocktail im Körper. Viele Botenstoffe, Hormone und weiter sind unterwegs und begegnen der Stresssituation, genauer gesagt, dem Stressor. Unser Körper bewertet jede Stresssituation aufs Neue. Wir haben dann exakt zehn bis fünfzehn Sekunden, uns zu entscheiden. Denn nach dieser Zeit würde sich normalerweise dieser Chemie-Cocktail wieder zurückziehen. Wenn wir innerhalb dieser zehn Sekunden reagieren und dem Stress mit einer Lösung entgegenkommen, dann zieht sich dieser Chemie-Cocktail wieder zurück und wir leben wieder stressfrei / ausgeglichen. Wenn wir jedoch nicht reagieren, dann beginnt das gleich wieder von vorn.

Wenn es eine echte Stresssituation wäre, dann ist es notwendig, dass wir uns auf die Flucht begeben oder in den Kampf. Am Schreibtisch oder generell bei der Arbeit bringt es uns nicht weiter und wir sollten mit Bedacht überlegen. Welche Möglichkeiten habe ich? Gibt es Hilfe für mein Problem? Zu diesem Thema komme ich in einem anderen Beitrag noch genauer.

Was passiert detailliert bei einer Stresssituation?

  • Es kommt zu einer Ausschüttung von Adrenalin. Adrenalin steigert das Herz-Kreislauf-System. Es weitet die großen Blutgefäße, durchblutet so besser die Muskeln. Dadurch kommt auch mehr Sauerstoff in die Muskeln. Dies ist wichtig, damit die Muskeln auch Leistungsfähig werden. Des Weiteren werden auch die Bronchien geweitet, damit wir mehr Sauerstoff bekommen. Es kommt zu einem flachen Atem anstatt der gesünderen Bauchatmung. Die kleinen Blutgefäße werden verengt und weniger gut durchblutet. Es kann zu kalten Händen und Füßen kommen, auch ein einschlafen, Kribbeln ist möglich. Aber es ist eine Notwendigkeit, um Stress zu begegnen – bei Flucht oder Kampf.
  • Es werden Endorphine ausgeschüttet. Das sind die Glückshormone, die auch bei Stress tatsächlich zum Einsatz kommen. Endorphine sind in diesem Fall dafür zuständig, dass wir die Belastung weniger stark wahrnehmen. Außerdem bewirken Endorphine, eine verminderte Darmtätigkeit und drosseln das Hungergefühl. Denn bei einer echten Stresssituation benötigt der Körper alle Kräfte und hat diese für den Darm nicht übrig. Und auch „Hunger“ ist bei einer Flucht kontraproduktiv.
  • Das Hormon Oxytocin. Dies ist ein Multitasking-Neuropeptid-Hormon. Ein schwieriges Wort für ein Kuschel-Hormon, denn als Kuschel-Hormon ist es bekannt. Es wird vom Körper normalerweise ausgeschüttet, wenn wir uns umarmen und liebevolle Berührungen haben. Es ist eigentlich ein gutes Hormon und auch in dieser Stresssituation soll es eigentlich etwas Gutes tun. Es stärkt das Herz. Interessant ist auch, dass Oxytocin den oxidativen Stress im Gehirn reduzieren kann und Gehirn-Entzündungen zurückgehen lässt.

Oxytocin für sich, ist wirklich ein gutes Hormon. Der Körper benötigt es aber bei Stresssituationen in dieser Kombination, um richtig reagieren zu können: Flucht oder Kampf! Bei der Arbeit ist aber beides nicht möglich.

Die Nachteile liegen daher auf der Hand. Wir können in Stresssituationen nicht mehr so gut denken, weil die großen Blutgefäße wie die Muskeln besser durchblutet werden und die kleinen Blutgefäße weniger gut. Das umfasst auch das Gehirn. In Stresssituationen haben wir erweiterte Pupillen, um schneller reagieren zu können und auf bekannte Dinge schneller erkennen zu können. Des Weiteren wird der Stoffwechsel und die Verdauung gedrosselt.

Stress ist die größte Gefahr des 21. Jahrhunderts. (Denn daraus resultieren sehr viele Krankheiten.)

WHO

Zu früheren Zeiten gab es die Gefahr und dann wieder die Regeneration. Gefahr, Regeneration. Kampf und Flucht und dann Erholung. Heute herrscht jedoch der Dauerstress. Es gibt kein oder nur wenig Entspannung. Wir hasten von Termin zu Termin und von Ereignis zu Ereignis und kommen meistens gar nicht mehr runter. Und auf Dauer hat das natürlich Folgen.

Folgen aus Dauerstress

Wie ich schon mehrfach beschrieb, wird die Verdauung runtergefahren, was zu Reizungen im Magen-Darm-Bereich zur Folge hat. Auch Magen-Entzündungen und Magengeschwüre können eine bittere Folge sein. Dann haben wir das Stresshormon Cortisol und das Problem mit dem gefährlichen Bauchfett und das Typ-2-Diabetes-Risiko. Des Weiteren bremst Cortison den Hunger-Zyklus, was zu Heißhunger-Attacken auf Süßigkeiten zufolge haben kann. Dies ist der Grund, warum es zur Gewichtszunahme nach lang andauernden Dauerstress kommen kann.

Dem Körper wird in der Folge auch vorgegaukelt, dass Entzündungen stattfinden, die beseitigt werden müssen. Als direkte Folge werden Baustoffe vergeudet, die dann bei einer echten Entzündung und einem echten Erreger fehlen. Schlussendlich wird das Immunsystem heruntergeregelt. Denn das ist eine Folge dadurch, dass Adrenalin und Cortisol nach oben reguliert werden. Zudem ist es so, dass in stressigen Situationen die spezifische Immunantwort heruntergeregelt wird. Das sind die B-Zellen und die T-Zellen. Das angeborene Immunsystem, die erste Armee, wird hochgeregelt. Dies vom Prinzip dauerhaft. Und dadurch werden wir natürlich auch schneller krank.

Die Entspannungskrankheit – Leisure Sickness

Und das ist auch der Grund, warum wir nach stressigen Wochen im Urlaub krank werden. Der Klassiker: Viele Wochen stressige Arbeit, dann hat man endlich Urlaub und man wird krank. Dies trifft nach aktuellen Schätzungen 50 Prozent der Bevölkerung, die im Berufsleben unter Stress stehen. Das Phänomen hat auch einen Namen: Entspannungskrankheit, auch Leisure Sickness genannt.

Der Grund ist folgender: Auch nach stressigen Zeiten bleibt das spezifische Immunsystem zunächst weiterhin heruntergefahren. Das angeborene Immunsystem, also die erste Armee wird jedoch ebenfalls runtergefahren, weil wir jetzt nicht mehr im Stress sind. Das spezifische Immunsystem hängt also noch in den vergangenen Wochen fest, während sich das angeborene Immunsystem an der stressfreien Zeit direkt angepasst hat. Erreger, die das angeborene Immunsystem nicht abfängt, kommen so viel besser in das Innere und können sich dann dort besser ausbreiten. Hinzu kommt das Problem der zuvor vergeudeten Baustoffe, die jetzt fehlen.

Tipp: Um die Entspannungskrankheit zu vermeiden, empfiehlt sich neben einem guten Stress-Management schon ein paar Tage zuvor herunterzufahren. So kann sich der Körper langsam wieder auf den Normal-Modus zurückstellen.

Zusammenfassend: weitere Folgen von chronischem Stress

Es liegt in deiner Hand: Ein Arzt wird nur Symptome behandeln, nicht aber die Ursache. Und das wollen wir natürlich vermeiden und die Ursache »Stress« beseitigen. Im Idealfall solle Stress reduziert oder in positiven Stress umgewandelt werden.

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Torsten Seidel Hier schreibt: Torsten Seidel
Gesundheits-Blogger mit Ausbildung zum ganzheitlichen Gesundheitsberater (fachliche Bez.: »Fachkompetenz für holistische Gesundheit«) mit Weiterbildung in Stressmanagement (IHK). Mehr Informationen in »Über mich«. Gern beantworte ich auch Leserfragen. | Beiträge abonnieren mit RSS-Feed.

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